Direkt zum Inhalt
Äthiopien Kaffeereise Bio Kaffeerösterei fairer Kaffee Äthiopien Kaffeereise Bio Kaffeerösterei fairer Kaffee

Kaffeereise nach Äthiopien: Wer Kaffee nur einkauft, versteht ihn nicht

Kaffee ist mehr als ein Produkt, das irgendwann in einer Tüte landet. Hinter jeder Bohne stehen Lebensrealitäten und Entscheidungen, die man nicht sieht, wenn man nur das Endprodukt betrachtet. Für uns ist ein zentraler Teil der Arbeit mit Kaffee: dorthin gehen, wo er entsteht. Wir wollen verstehen, was es wirklich bedeutet, ihn herzustellen.

Gemeinsam mit befreundeten Röstereien von Roasters United haben wir mehrere Tage in der Region Sidama verbracht, Kooperativen besucht, mit Farmer:innen gesprochen und die aktuelle Ernte verkostet. Unsere Reise startete in Addis Abeba, von wo aus wir weiter nach Hawassa im Süden des Landes flogen.

Der Anfang war etwas holprig: Unser Gepäck blieb zunächst in Addis zurück und kam erst mit dem nächsten Flug an. Solche Situationen gehören dazu, genauso wie spontane Planänderungen. „Sicherheit“ ist hier nicht dasselbe wie in Europa, und das trifft leider auch auf die Menschen im Kaffeesektor zu. Wir verlieren unser Gepäck – Farmer:innen verlieren in schlechten Jahren ihre Ernte und damit ihre Lebensgrundlage. Dieses Jahr muss sich in Äthiopien darüber aber glücklicherweise niemand Sorgen machen.

Besuch der Shilicho Kooperative

Diese Kooperative, mit der wir seit vielen Jahren zusammenarbeiten, hat derzeit rund 1.650 Mitglieder und produziert Kaffee in drei umliegenden Dörfern.

Die aktuelle Ernte zeigt deutlich den natürlichen Rhythmus der Kaffeepflanzen: Während in der Saison 2024/25 noch etwa 300 Tonnen Kaffeekirschen geerntet wurden, liegt die Menge dieses Jahr bei rund 150 Tonnen. Solche Schwankungen sind normal, wenn auf ein sehr ertragreiches Jahr ein schwächeres folgt. Die gute Nachricht: Die Qualität des Kaffees ist in dieser Saison besonders hoch.

Auch die Preise für die Farmer:innen sind gestiegen: Während im vergangenen Jahr etwa 40–60 Birr pro Kilogramm Kirschen gezahlt wurden, lagen die Preise in dieser Saison bei 120–160 Birr. Das ist ein moderater Preis, der zwar unter Spitzenpreisen, aber deutlich über den historischen Durchschnittswerten liegt. Er entspricht etwa 60 bis 90 Cent.

Einblick in den Alltag eines Kaffeefarmers

Besonders eindrucksvoll war der Besuch bei Wondemo Alemo, einem Farmer der Kooperative. Seine Farm umfasst etwa 1,5 Hektar Kaffeeanbau. Neben Kaffee wachsen dort auch Bananen, Avocados und andere Nutzpflanzen.

Im vergangenen Jahr hat Wondemo etwa 3.400 kg Kaffeekirschen geerntet, in der aktuellen Saison rund 1.000 kg. Während der Ernte beschäftigt er mehrere Pflücker:innen, die derzeit etwa 200 Birr pro Tag plus Verpflegung verdienen. Das klingt für uns nach nicht viel, aber für äthiopische Verhältnisse ist dieser Betrag eine deutliche Steigerung im Vergleich zu den letzten Jahren.

Spannend war auch Wondemos Kompostarbeit: Aus Kaffeeschalen und Pflanzenresten stellt er eigenen Kompost her, den er später wieder auf den Feldern ausbringt. Solche Methoden sind typisch für biologischen Kaffeeanbau, der auf gesunde Böden und langfristige Fruchtbarkeit setzt.

Besuch der Taramesa Kooperative

Mit 1.999 Mitgliedern aus sechs Dörfern ist diese Kooperative etwas größer als Shilicho. Auch hier zeigte sich ein ähnliches Bild bei der Ernte: Nach rund 800.000 kg Kaffeekirschen im vergangenen Jahr liegt die Produktion in dieser Saison bei etwa 409.000 kg.

Die Kooperative nutzt einen großen Teil ihrer Einnahmen für Gemeinschaftsprojekte. In den letzten Jahren wurden unter anderem Straßen gebaut, ein Lagerhaus errichtet und ein Kindergarten für etwa 60 bis 70 Kinder eröffnet. Solche Projekte zeigen, welche zentrale Rolle fairer Kaffeehandel für ganze Dorfgemeinschaften spielen kann.

Gespräche über den Kaffeemarkt in Äthiopien

Ein wichtiger Teil unserer Reise war auch der Austausch mit der Sidama Coffee Farmers Cooperative Union, die viele Kooperativen der Region bündelt. In Gesprächen mit dem Management ging es vor allem um die aktuellen Entwicklungen im Kaffeemarkt.

Die Preise für Kaffeekirschen haben sich in den letzten Jahren stark verändert:

  • 2023/24: etwa 30–40 Birr pro kg
  • 2024/25: etwa 40–60 Birr
  • 2025/26: etwa 120–170 Birr

Insgesamt wird für die Union in dieser Saison jedoch nur etwa ein Viertel der Menge erwartet, die im letzten Jahr geerntet wurde.

Warum wir nach Äthiopien reisen

Für uns sind Reisen zum Ursprung keine reinen Einkaufstrips. Sie helfen uns zu verstehen, unter welchen Bedingungen Kaffee angebaut wird und vor welchen Herausforderungen die Farmer:innen aktuell stehen.

Wenn wir bei Carles von Direkthandel, Bio-Kaffee und langfristigen Partnerschaften sprechen, dann basiert das auf echten Beziehungen. Wir kennen viele der Menschen, die unseren Kaffee anbauen, persönlich und besuchen sie regelmäßig vor Ort.

Unsere Lebensrealitäten könnten unterschiedlicher nicht sein, aber dennoch verbindet uns vor allem eine Sache mit den Menschen in Äthiopien: Die Liebe zum Kaffee. In jeder Ecke und auf jeder Straße duftet es danach, und das Kaffeerösten über offenem Feuer hat hier einen festen Platz im Alltag der Menschen.

Unser Lieblingsgetränk macht zudem einen großen Teil der äthiopischen Wirtschaft aus, an deren Erfolg viele Leben hängen. Also ist es unsere Aufgabe, diese Leben durch unsere Arbeit ein kleines Stück besser zu machen, mit jedem Sack, den wir zu einem fairen Preis importieren, der Mensch und Umwelt respektiert.

Denn jede Tasse Kaffee hat einen Ursprung.
Und für uns beginnt guter Kaffee immer dort, wo er wächst.

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen

Back to top